Heimatstube Freiheit e.V.

 

Osteroder Kreisanzeiger 29.07.1997:

Schule 1637

Ein fast vergessenes Jubiläum: Vor 360 Jahren erste Schulstunde - Frau unterrichtete

 

Als ABC und Einmaleins nach Freiheit kamen

 

Von Albrecht Schütze

 

Vor 360 fahren erhielt eine Frau in der Ortschaft Freiheit den Auftrag, mit den Kindern auf der Freiheit das Lesen zu üben. Das war die Geburtsstunde der Freiheiter Schule.

Die Berufsbezeichnungen für Personen, die Kinder und Erwachsene in Schulstuben unterrichteten, waren vielfältig. Es gab es Lese-, Schreib- und Rechenmeister. Ein Schulmeister oder Lehrmeister dagegen konnte alle drei Kulturtechniken - Lesen, Schreiben, Rechnen - erfüllen.

Die ersten Anfänge in Freiheit (1637) beschränkten sich vermutlich nur auf das Lesen. Pastor Max hält 1840 in seiner Chronik schriftlich fest: „Anfänglich war zum Unterricht der Kinder auf der Freiheit nur eine Lesemeisterin, Ursula Seckels". Als Schulmeisterin wird sie 1660, ein Jahr vor ihrem Tod, unter den Comunicierten (Abendmahlteilnehmem) ausgeführt.

Vergegenwärtigt man sich die Zeit, als Ursula Seckels 1637 den Lehrauftrag übernahm, erkennt man den allgemeinen Bildungsnotstand der damaligen Zeit. Im Land herrschte große Not, denn der 30jährige Krieg (1616-1648) verschonte keine Ortschaft. Der. Konrektor des Progymnasiums, Dr.Renner, erwähnt in der Chronik von Osterode die Plünderungen aus dem 1632 in der Johannis- und Marienvorstadt, dazu die Ausschreitungen gegen die Landbevölkerung. Fünf Jahre später, am 12. September 1637, wurden abermals die Johannis- und Marienvorstadt an zwei Tagen ausgeplündert.

Abgesehen von den Kriesgunruhen mit der Begleiterscheinung der Verteuerung der Lebensmittel traten auch Krankheiten, insbesondere die Pest auf.

Genau zu diesem Zeitpunkt beginnt die Schulgeschichte in der Ortschaft Freiheit. Ein Schulhaus mag es noch nicht gegeben haben, entscheidend war, eine Person zu finden, die in schwerer Zeit die heranwachsende Jugend für die Zukunft befähigen konnte. Der Aufruf Martin Luthers (1554) „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, christliche Schulen aufzurichten", hatte neben einer missionarischen Absieht den Gewinn, die Abhängigkeit von wenigen lese- und schreibkundigen Personen zu verringern.

Der aufstrebende Bürger, vor allem der Kaufherr .und Handelsherr, war an der Kunst dt» Lesens und Schreibens sehr intetteäert, um unabhängig von zweifelhaften Geschäftemachern zu werden. Freiheit, an der Handelsstraße zum Oberharz gelegen (Alte Harzstraße, Hundscherweg), bot Lese-, Schreib- und Rechenkundigen bessere Verdienstmöglichkeiten.

Dieser Sachverhalt könnte eine Erklärung für den relativ frühen Zeitpunkt des Schulunterrichts in Freiheit sein. Der Stadtplan von 1680 dokumentiert die besondere geographische Lage des Ortes Freiheit zwischen der mauerbewehrten Stadt Osterode und dem Harz.

Im Stadtgebiet gab es die Lateinschule (Kommandantenhaus) für Knaben, die Parochialschulen der Kirchengemeinden St. Jacobi und St. Marien für Jungen und Mädchen sowie eine Mädchenschule der Aegidiengemeinde. Während in den Parochialschulen vorwiegend Lesen und Schreiben vermittelt und Kirchenlieder eingeübt wurden, kam in der Mädchenschule noch Häkeln und Stricken hinzu.

Der Schulunterricht in Freiheit unterlag nicht den kirchlichen Vorschriften wie an den Parochialschulen praktiziert, denn die Ortschaft Freiheit, außerhalb der Stadtmauer gelegen, bewahrte sich eine Selbständigkeit bis in unsere Zeit (1970). Nur seelsorgerisch bestand eine enge Verbindung zur Aegidiengemeinde, die außer einigen Straßenzügen in der Stadt auch die Bewohner der Gartenhäuser außerhalb der Stadtmauer bis zur St. Mariengemeinde betreute.

Außergewöhnlich war auch die Anstellung einer Frau, denn in allen umliegenden Dörfern waren männliche Lehrpersonen eingestellt worden. Warum in Freiheit eine Lesemeisterin und kein Lesemeister den Auftrag bekam, ist nicht belegt.

Vermutlich war es eine Kostenfrage, verbunden mit dem Nachweis der Ausbildung. Die Unterschiede waren erheblich. Lehrer an Lateinschulen konnten aufgrund ihrer Bildung Bürgerrechte erwerben - Schulmeister waren von diesem Recht ausgeschlossen. Auf dem Lande wurden Lehrer mit Naturalien (Nutzung von Gartenland und Zuweisung von Brennholz) entlohnt.

In der Reformationszeit wurden die Schreib- und Lesemeister oder Lesemeisterinnen mit weiteren Aufgaben betraut und nannten sich auch Küsterund Dorflehrer. Auch die Unterscheidung Schulhalterund Schulmeister war üblich. Der Schulhalter unterrichtete nur gelegentlich, übte meist noch ein Handwerk aus, während der Schulmeister oder die Schulmeisterin ganzjährig als Lehrperson arbeitete.

Demnach war Ursula Seckels in der Ortschaft Freiheit die erste selbständige Schulmeisterin, heute hätte sie die Bezeichnung Schulleiterin. Nachweislich war sie 24 Jahre als Lehrmeisterin in Freiheit tätig, das heißt, sie prägte eine Generation und hat damit für die Freiheiter Ortsgeschichte Bedeutsames geleistet.

 

 

 

 

 

 

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